“Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir!”

Gedanken auf den Weg

  

Predigt in der Reihe „Psalmen in der Markuspassion: Der Garten Gethsemani und der Schrei der verdurstenden Seele .“

Psalm 42/43

Für den Chormeister. Ein Weisheitslied der Korachiter.
2 Wie die Hirschkuh schreit
an versiegten Bächen,
so schreit meine Seele,
Gott, nach dir.
3 Meine Seele dürstet nach Gott,
dem lebendigen Gott.
Wann darf ich kommen
und mich sehen lassen vor Gottes Antlitz?
4 Meine Tränen wurden mein Brot
bei Tag und bei Nacht,
während sie allezeit zu mir sagen:
Wo ist dein Gott?
5 Daran will ich gedenken
und um meinetwillen meine Seele ausschütten,
wie ich einherging in dichter Volksmenge, mit ihnen einherschritt
im Festzug zum Haus Gottes
beim Schall des Jubels und des Lob-Opfers
in tanzender Menge.
6 Was bist du so gebeugt, meine Seele,
    und so unruhig in mir?
Harre auf Gott, denn ich werde ihm wieder danken
für die Hilfeleistungen seines Antlitzes, meinem Gott.
7 Meine Seele ist gebeugt in mir,
darum gedenke ich deiner
vom Land des Jordan und von den Hermongipfeln her,
vom Berg Mizar.
8 Urflut ruft zur Urflut
beim Tosen deiner Wassergüsse,
alle deine Brandungen und Wogen
gehen über mich hin.
9 Am Tag erweise
der HERR seine Gnade,
und in der Nacht sei sein Lied bei mir,
ein Gebet zum Gott meines Lebens.
10 Ich will sprechen zu Gott, meinem Felsen:
Warum hast du mich vergessen?
Warum muss ich in Trauerkluft umhergehen,
bedrängt vom Feind?
11 Wie Mordqual ist es in meinen Gebeinen,
wenn meine Gegner mich verhöhnen,
da sie allezeit zu mir sagen:
Wo ist dein Gott?
12 Was bist du so gebeugt, meine Seele,
    und so unruhig in mir?
Harre auf Gott, denn ich werde ihm wieder danken
für die Hilfeleistungen seines Antlitzes, meinem Gott.
1 Rechte für mich, Gott,
und streite meinen Streit,
vor treulosem Volk,
errette mich vor falschen
und bösen Menschen.
2 Du bist ja der Gott meiner Zuflucht.
Warum hast du mich verstossen?
Warum muss ich in Trauerkluft umhergehen,
bedrängt vom Feind?
3 Sende dein Licht und deine Treue,
sie werden mich leiten,
sie werden mich bringen zu deinem heiligen Berg
und zu deiner Wohnstätte.
4 So will ich hineingehen zum Altar Gottes,
zum Gott meiner Freude und meines Jubels.
Ich will dir danken mit der Trag-Leier,
Gott, mein Gott.
5 Was bist du so gebeugt, meine Seele,
    und so unruhig in mir?
Harre auf Gott, denn ich werde ihm wieder danken
für die Hilfeleistungen seines Antlitzes, meinem Gott.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott und dem HERRN Jesus Christus.

Liebe Gemeinde

„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir“. So singt es in mir, mit der wunderbaren Melodie, welche Felix Mendelssohn-Bartholdy diesem Wort geschenkt hat. «Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.» «Wie die Hirschkuh schreit an versiegten Bächen, so schreit meine Seele, Gott, nach dir,» übersetzt es unsere Zürcher Bibel genauer. Weg ist das frische Wasser, versiegt sind die Bäche.  Ein erschütterndes Bild: In der Sonnenglut des südlichen Sommers tritt der Hirsch an die Quelle, die ihm bis zu diesem Tag immer noch das Leben gegeben hat. Sie ist versiegt. Er streckt die Zunge weit vor, aber sie bleibt trocken. So klingt aus der geöffneten Kehle der Schrei der Todesangst.

Es gibt keinen Schrei, der so erschüttert wie der Todesschrei der Kreatur. Ist bei seinem Schrei Wissen um den Tod, ist Hoffnung und Verzagtheit, Trost oder Verzweiflung? Der Schrei der Kreatur ist nur Schrei; in ihm ist es ganz leer. So schreit unser Herz nach dem fernen Gott, wenn Gott nicht mehr antwortet. Das Herz schreit nach Leben und bleibt im Tod; es ruft nach Hilfe, aber der Helfer kommt nicht; es ruft nach Gott, aber Gott schweigt. Und wenn Gott schweigt, redet nichts mehr zu dem, der nach Gott fragt. So bleibt nur der Schrei aus jener letzten Leere, jenseits schon von Hoffnung oder Verzweiflung, von Trost oder Trostlosigkeit: der Schrei dessen, der von Gott selbst angefochten wird.

In solcher Leere findet das höhnische Reden der anderen besondere Resonanz: Wo ist nun dein Gott? Wir haben es doch immer gesagt: Man hat nichts von seiner Frömmigkeit. Gottvertrauen macht sich nicht bezahlt. Gottes Hilfe ist eine Einbildung. Man muss doch für sich selbst sorgen und der Tod ist allen gewiss. Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb. Das ist die Stimme der anderen. Sie wollten immer recht behalten in ihrer Unfrömmigkeit. Sie brauchen nicht viel sagen. Wir hören ihre Stimme auch so. Sie spricht nämlich in uns.

Was hast du denn davon, dass du zur Kirche gehst? Nichts! Was kriegst du für deine Mitarbeit? Nur Ärger! Was kommt dabei heraus, dass du nach Gottes Geboten zu wandeln dich bemühst? Dass du dir lauter Steine in den Weg legst! Warum betest du denn noch? Damit dich niemand hört! Den anderen geht es doch auch gut. Was hast du also von deiner Frömmigkeit? Höchstens die Anfechtung! Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb! Warum wagen wir das nicht? Sind wir zu feige zum Unglauben? Wohin sollen wir dann fliehen vor dieser bedrängenden Stimme in der Leere unseres Herzens: Wo ist nun dein Gott?

«Meine Seele ist betrübt bis an den Tod,» lässt Jesus seine Jünger wissen. Entsetzt, ausser sich und «neben den Schuhen», und in höchster Angst sei er gewesen, berichtet uns der Evangelist Markus. Unmittelbar nach Beendigung des Seder-Mahles begibt sich Jesus mit seinen Jüngern in einen etwas abgelegenen, ruhigen Hain, einen Ölbaumgarten. «Gath-Schemani» genannt, «Ölkelter». Dieser Ort war offenbar schon früher Schauplatz stiller Versammlungen des Meisters mit seinen Schülern. Hier, in der Nachbarschaft des Tempels, aber wohl durch das Kidron-Tal von der oft lärmenden Kultstätte geschieden und ausserhalb der Stadtmauern und der Kontrolle der Tempelpolizei, hatte er sich zuweilen mit den Vertrauten beraten. Hierher führt ihn der letzte Weg in der Freiheit – und hier findet ihn nur allzu leicht der Verräter, der dunkle Jünger Judas, der Mann aus den Krajoth-Weilern, dem Phantasien zu einer gewaltsamen Revolution nachgesagt wurden.

Es drängt Jesus nach dem schicksalsschweren Mahl, das sich zu einem ergreifenden Abschied von den Seinen gestaltet hat, nun in die Vollmondnacht hinauszugehen. Jetzt, nachdem er mit den Jüngern die Liturgie der Heiligen Nacht gefeiert hat, will er «Thefilath-Jachid», das individuelle Gebet in der Abgeschiedenheit verrichten, das er seinen Schülern empfohlen hatte: «Geh in deine Kammer und schliesse dich ein und bete zu deinem himmlischen Vater…»

Nach dem oft üppigen Seder-Mahl ging man allgemein noch etwas hinaus in die freie Natur, um das Frühlingsfest zu empfinden, denn Passah ist ja nicht nur das Fest der Freiheit, der Erlösung aus dem Sklavenhaus Ägyptens, das Fest, das an den Auszug erinnert, es ist zugleich auch wie alle Wallfahrtsfeste Israels ein Fest der Natur, nun der Erntedank für den Winterweizen, der Beginn des mediterranen Sommers. Die Tischgenossenschaften, die sich jeweils um ein Opferlamm sammelten und gemeinsam Lejl Schimurim, die Nacht der Behütung begingen, zogen dann gerne nach dem Mahl noch in die laue Frühlingsnacht hinaus.

Der kleine Zug des Rabbi von Nazaret und seiner elf verbliebenen Gefolgsleute trägt aber nicht diesen ausgelassenen Charakter. Tiefer Ernst liegt über der Schar, die nun den vertrauten Weg zum Ölbaumgarten von Gethsemani einschlägt. Die Ahnung des Kommenden hat alle ergriffen. Die Müdigkeit nach äusserster seelischer Anspannung liegt auf diesen Männern, die nicht wissen, was diese Nacht der Entscheidung noch bringen wird, die aber verstört sind von den dunklen Worten ihres Lehrers, der ihnen immer rätselhafter wird.

Und nun bittet er sie zu wachen – und ihn allein beten zu lassen. Der Rabbi entfernt sich einen Steinwurf weit in die dunklen Olivenbäume und entschwindet ihnen. Sie kennen diese Gebetsübung ihres Meisters. Sie halten sich scheu beiseite, wenn er mit dem Vater im Himmel spricht – von Angesicht zu Angesicht, in einer Unmittelbarkeit, die sie erschauern lässt.

Es ist drückend heiss. Ein Chamsin oder Scharav weht, ein trockner Wüstenwind, fegt über Jerusalem hin, so dass der Betende in Schweiss gerät. Es ist so schwül in dieser Nacht, dass es später nicht einmal auffällt, wenn ein Jüngling, der sich von ungefähr der Gesellschaft angeschlossen hatte, nur mit einem Hemd bekleidet ist, einer Tunika, die er in der Stunde der Gefahr in den Händen der Häscher fahren lässt, um nicht mit den Chassidim, den Gottesfreunden des fremden Rabbi aus Nazaret identifiziert und verhaftet zu werden.

Jesus tritt abseits und betet. Er fällt auf sein Antlitz nieder, so wie man im Tempel betet, und schreit furchtbar zu seinem Gott. Jetzt, jetzt weiss er, mit der letzten Gewissheit einer Ahnung, die nicht trügt, dass er verloren ist. Jetzt wird ihm klar, dass sein Weg nach Jerusalem Opfergang war, dass er im Schatten des Gottesknechts stehend das Leiden bis zum Tode im Gehorsam des Knechtes auf sich nehmen muss.

Wo ist nun dein Gott? Diese Stimme spricht in ihm. Er hört sie nicht mehr von den anderen, deren Hohn und Spott er ertragen wird. Er hört sie in sich selbst. Mit den Worten des Korachiter-Psalms steigt in ihm die Angst auf, Gott fahren zu lassen. «Meine Seele dürstet nach Gott, dem lebendigen Gott.» Denn in ihm ist es nun auch dunkel und leer. Eine «Depression» nennt es der Evangelist, habe ihn ergriffen, wie den Psalmbeter damals: «Betrübt bis an den Tod ist meine Seele, meine Lebenskraft.» Ausgegossen wie verschüttetes Wasser.

Und doch, ist es nicht die Nacht der Bewahrung? Die Nacht, in der der Herr seinen starken Arm und seine ausgestreckte Hand an seinem Volke Israel so wunderbar bewährt hat? Die Nacht, da er es herausgeführt hat aus der Sklaverei in die Freiheit. Die Nacht, in der er seinen Erstgeborenen Israel verschonte, während er die Erstgeburt Ägyptens schlug. Die Nacht des Wachens. Dies bittet der Meister nun seine Jünger. Wacht mit mir und betet, dass auch für mich diese Nacht eine Nacht der Behütung und Bewahrung werde. Sie aber schlafen ein.

Er ist von Todesangst geschüttelt. Man kann diesen Bericht nicht lesen, ohne selbst erschüttert zu werden. Hier steht kein Held, kein Halbgott, kein Mythos. Hier zittert ein Mensch um sein Leben und seinen Lebensmut.

Er bittet: «Abba, Vater, alles ist dir möglich. Lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst.»

Vier Kelche erhebt der jüdische Hausvater am Sedermahl, spricht das Dank- oder Segensgebet darüber und gibt den Kelch herum, dass alle daraus trinken. Der vierte Kelch «nach dem Mahl» erinnert in der Liturgie des Pessachmahls an die Aufnahme der Söhne Israels in den Bund mit Gott. Diesem Bundesschluss-Kelch gabt Jesus seine eigene Deutung mit.

Und nun erwartet er noch einen fünften Kelch. Der fünfte Becher war umstritten und deshalb theologisch zu klären auf die «Wiederkunft Elias» aufgeschoben, auf Sankt Nimmerlein würden wir sagen: So wurde der fünfte Kelch im Volksbrauch Elias Becher, der Kelch, den der Prophet Elia bei seiner eigenen Wiederkehr herumgeben würde und damit dem Messias den Weg bereit. Jesus sieht diesen Becher an ihn gereicht werden und er erkennt, dass er ein bitterer Kelch des Leidens sein würde. Er bittet Gott, diesen fünften Kelch an ihm vorbeigehen zu lassen. Und zugleich weiss er, dass er dann die Wiederkunft des Messias, Gottes Eingreifen in die Geschichte, vereiteln würde. So seufzt er mit letzter Lebenskraft: «Aber dein Wille geschehe.»

Der nächtliche Gott wird Jesus enthüllt, die Nachtseite Gottes, eine dämonische, eine, die uns Menschen in Versuchung führt, von Gott abzufallen, falsch zu glauben. Das ist der Gott, der nächtens mit Jakob gerungen hat, das ist der Gott, der seinen Knecht Mose in der Nachtherberge überfallen hat, um ihn zu töten, da er auf dem Weg zu seinem versklavten Volk in Ägypten war. Da ist der Gott, der furchtbar durch Ägypten zieht und die Erstgeburt erwürgt. Nur das Blut des Lammes an den Türen der Hebräer hält den Würgegengel ab. Fleht Jesus nach stellvertretendem Blut? Bittet er Gott nach einem verschonenden Zeichen anstelle des Kelches? Wir wissen es nicht. Wir verstehen vielmehr, dass dieser junge Mann in der Blüte seines Lebens einfach leben will, nicht sterben, nicht einen sinnlosen Tod im Kugelhagel finden, nicht aufgerieben werden von den Geschäften und Strategien der Autokraten und Oligarchen.

Und er findet sich ein in den Willen Gottes. Es ist nicht ein blindes Schicksal oder ein unbarmherziger Zufall, es ist kein himmlisches russisches Roulette, es ist der Wille Gottes, der geschehe. Was aber will Gott? Wo ist Gott? Was verspricht Gott? Gerade jetzt in dieser Situation?

ORGELIMPROVISATION über den Choral «Wie der Hirsch nach frischem Wasser»

Der Beter des 42. Psalms flieht in seiner Not in die Erinnerung an einen guten Gott: „Daran will ich denken und ausschütten meine Seele in mir, wie ich hinging mit dem Haufen zum Hause Gottes, mit Frohlocken und Danken in dem Haufen derer, die da feiern“. Wie schön war das also damals in Jerusalem. Eine grosse Gemeinde, herrliche Gottesdienste, Loben und Danken. Und in all dem die feste Geborgenheit in Gottes Hand, der Halt an vielen Brüdern, die Zuversicht eines unerschütterten Glaubens, Freude draussen und Friede im Herzen. Und keine Stimme: Wo ist nun dein Gott?

Hilft es, wenn man aus der Not der Gegenwart in die Erinnerung flieht? Wir können es ja auch tun, wenn immer die Anfechtung uns quält. Wem stünde nicht die Erinnerung an seinen Kinderglauben zur Verfügung? Damals war uns der „liebe Gott“ genauso gewiss und genauso nahe wie die Mutter und der Teddybär, den wir abends mit ins Bett nahmen. Aber was hilft uns das? Wächst die Not der Gegenwart nicht nur noch mit jeder schmerzlichen Erinnerung? Offenbart solche Erinnerung nicht erst recht, was es heisst, seine Seele ausschütten in sich selbst, weil niemand mehr bei uns ist, kein Mensch und kein Gott? Nein, die Flucht in die Erinnerung hilft nicht. So brauchen wir uns nicht zu wundern, dass der Beter mit seiner Klage noch nicht fertig ist. Wann wären wir jemals fertig mit unserer Anfechtung? Ja, die Klage wird noch kläglicher und zugleich noch härter: „Alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich“. Der Beter lebt in den ragenden Bergen des Hermon, wo auch im glühenden Sommer die Quellen des Jordan sprudeln und Erquickung schenken. Aber die Schönheit und Majestät der Landschaft und die Lebendigkeit der sprudelnden Quellen sind für ihn nur ein Gleichnis des Allerschrecklichsten, dass Gott nicht nur ferne, sondern auch gegen ihn ist: „Alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich“. Auch hinter der spöttischen Frage: „Wo ist nun dein Gott“ steht noch Gott selbst und es scheint so, als habe er Lust daran, dem Menschen, der sein Angesicht sucht, eine Fratze zu zeigen.

Was sollen wir tun, wenn wir meinen, Gott sei gegen uns – und wir meinen es doch oft; gibt Gott uns doch Grund genug zu solcher Meinung! – was also sollen wir dann tun? Auch gegen Gott sein? Vor ihm fliehen? Ihm ins Angesicht absagen? Aber was nützt das, wenn Gottes Wasserwogen und Wellen über uns gehen! Als ob wir dem Gott entkommen könnten, der uns verfolgt! Dann bleibt uns also gar nichts mehr zu tun? Dann bleibt uns nichts als verzweifelte Ergebung oder fromme Resignation?

Nein, ein anderes bleibt uns noch zu tun, das Widersinnigste, Paradoxeste, Törichteste und das zugleich Einfachste: zu Gott hinfliehen, der gegen uns ist; die Hand fassen, die sich gegen uns erhebt; ihm in den Arm fallen und ihm sein Wort vorhalten, dass er gnädig und barmherzig und voll grosser Güte sein wolle: „Der Herr hat des Tages verheissen seine Güte und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens. Ich sage zu Gott, meinem Felsen: Warum hast du meiner vergessen?“ So spricht der Beter unseres Psalms und was tut er damit anderes als das Kind, das nach der drohend erhobenen Hand der Mutter greift. Was anderes als dieses Einfachste können wir tun, wenn Gottes Wellen über uns gehen? Ist nicht auch der Ruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ noch ein Ruf zu Gott? Er ist es gewiss! Überrascht es uns nun, dass die grosse Klage wieder unterbrochen wird von dem Bekenntnis wunderbaren Trostes: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist“? Wie sollten wir, da wir zu Gott flehen, anderes als Trost bei ihm finden.

Jesus erhebt sich in Gethsemani und steht hin und verzichtet von dem Augenblick an auf jeden aktiven Widerstand. Er kommt kein einziges Mal mehr in Gefahr, sich untreu zu werden und doch noch auf gewaltsamen oder listigen Ausweg zu spekulieren. Er tritt seine Passion an im grossen Bewusstsein, nun die göttliche Aufgabe und den göttlichen Weg angenommen zu haben. Er trinkt den Becher mit Essig, den fünften Kelch seines Weges, und nimmt ihn aus Gottes Hand an. «Es ist vollbracht,» sagt er danach. Und der Kuss des Judas ist ihm der Kuss Gottes geworden. «Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.» Er gibt sich ganz in die Hand Gottes und erleidet das Schicksal der Gerechten Israels.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als jede Vernunft, bewahre eure Herzen und Gedanken in Jesus Christus. Amen.

 Pfr. Roland Diethelm
(Text in Anlehnung an Schalom Ben-Chorin: Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht, dtv München 1967)

Vorherige News
Segnungsgottesdienst
Nächste News
Predigtreihe in der Passionszeit 2022: „Psalmen in der Markuspassion“

Andere News

Menü