“Nicht uns, HERR, sondern deinem Namen …”

Psalm 115
Nicht uns, HERR, nicht uns,
sondern deinem Namen gib Ehre,
um deiner Gnade, um deiner Treue willen.
2 Warum sollen die Völker sagen:
Wo ist denn ihr Gott?
3 Unser Gott ist im Himmel,
er vollbringt, was ihm gefällt.
4 Ihre Götzen sind Silber und Gold,
Machwerk von Menschenhand.
5 Sie haben einen Mund und sprechen nicht,
haben Augen und sehen nicht.
6 Sie haben Ohren und hören nicht,
haben eine Nase und riechen nicht.
7 Mit ihren Händen fühlen sie nicht,
mit ihren Füssen gehen sie nicht,
mit ihrer Kehle geben sie keinen Laut.
8 Ihnen werden gleich sein, die sie machen,
jeder, der ihnen vertraut.
9 Israel, vertraue auf den HERRN.
Er ist ihre Hilfe und ihr Schild.
10 Haus Aarons, vertraut auf den HERRN.
Er ist ihre Hilfe und ihr Schild.
11 Die ihr den HERRN fürchtet, vertraut auf den HERRN.
Er ist ihre Hilfe und ihr Schild.
12 Der HERR hat unser gedacht, er segnet.
Er segnet das Haus Israel,
er segnet das Haus Aarons.
13 Er segnet, die den HERRN fürchten,
die Kleinen und die Grossen.
14 Der HERR mehre euch,
euch und eure Kinder.
15 Gesegnet seid ihr vom HERRN,
der Himmel und Erde gemacht hat.
16 Der Himmel ist der Himmel des HERRN,
die Erde aber hat er den Menschen gegeben.
17 Nicht die Toten loben den HERRN,
keiner von allen, die hinabfuhren ins Schweigen.
18 Wir aber, wir preisen den HERRN
von nun an bis in Ewigkeit.
Hallelujah.

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott und dem HERRN Jesus Christus.

Liebe Gemeinde

Protestanten streiten gern. Das liegt wohl schon an ihrem Namen. Protestant. Es klingt nach Protest, nach Aufruhr, nach Streitlust. Selbstverständlich heisst es eigentlich etwas anderes. Pro-testari bedeutet bekennen, einstehen für, seinen Kopf hinhalten. Das taten die protestantischen Fürsten im Reichstag zu Augsburg 1530 gegenüber Kaiser Karl und der katholischen Hierarchie und Geistlichkeit. Sie hielten ihren Kopf hin und sagten dazu: Schlag ihn uns ab, wenn du willst, dass wir unseren evangelischen Glauben verleugnen und der Erkenntnis Luthers abschwören.

Protestanten bekennen auf Leben und Tod die evangelische Wahrheit. Und streiten doch gern. Denn kurz darauf stritten sie sich untereinander um die Frage: Capax aut non capax. Ist das Endliche nun fähig, das Unendliche aufzunehmen und zu repräsentieren – oder ist es das nicht? Finitum non capax infiniti: das Endliche kann das Unendliche nicht aufnehmen. So argumentieren die Reformierten um Zwingli und Calvin. Dem schleudert Martin Luther sein Capax! entgegen: In den endlichen Zeichen von Brot und Wein ist der göttliche Christus ganz gegenwärtig.

Ja, in dem menschlichen Jesus von Nazareth ist Gott gegenwärtig. Inkarniert, ins endliche menschliche Fleisch gekommen, sei er – und dort ganz Gott. Diesem Glaubenssatz aus den Bekenntnissen der Alten Kirche wollte Luther ganz Nachachtung verschaffen. Wahrer Mensch und wahrer Gott. «Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater,» lautet es.

Für Luther und seine evangelischen Mitstreiter war das unverhandelbar. Ihm erschienen die Reformierten wie Häretiker aus der alten Kirchengeschichte. Damals zur Zeit, als das Bekenntnis von Nizäa und Konstantinopel verfasst worden ist, hatten einige Bischöfe die Auffassung vertreten, dass Christus als Mensch doch so etwas wie eine Auswahl der Eigenschaften Gottes vertrete. Eine Art reduzierte Göttlichkeit. Damit das überhaupt in diesen Menschen Jesus hineinpasse, musste Christus bei seiner Menschwerdung auf einige göttliche Eigenschaften verzichten. Ewiges Leben. Allwissenheit. Allmacht. Und so weiter. Für den Menschenverstand nachvollziehbar. Sonst wäre ja ein Übermensch über die Fluren Galiläas gezogen, einer der Götter in menschlicher Gestalt, um alle über seine wahre Natur zu täuschen.

Die Bischöfe in der Reichskirche mussten dann das Bekenntnis unterschreiben – oder auf ihren Bischofsstuhl und sogar auf ihren Kopf verzichten. «Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater.»

Ausserhalb des römischen Reichs ging dies nicht so leicht. In Arabien lebten Christen, die dieses Bekenntnis nicht teilten. Arabisches Christentum. Und wer heute das islamische Bekenntnis hört, bemerkt unschwer die Anklänge an diese Auseinandersetzung: “Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt, nur (und einzig) Allah – also Gott – und ich bezeuge, Mohammed ist der Gesandte Allahs.” Lā ilāha illā ʾllāh(u) لا إله إلا

Für sie ist Jesus ein Mensch, ein Prophet, geboren von einer Frau. Und kann deshalb nicht Gott sein. Gott zeuge nicht und werde nicht geboren. Der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf war und ist ihnen heiligstes Prinzip.

So weit gingen die reformierten Reformatoren natürlich nicht. Sie feierten Weihnachten und glaubten wie das alte Bekenntnis, dass Jesus Christus «gezeugt» war. Gezeugt von Gott.

Aber sie hielten gegen Luther fest: Non capax. Das Unendliche Göttliche kann nicht im Endlichen Menschlichen ganz eingehen. Oder mit den Worten aus dem Johannesevangelium, mit dem ich euch heute begrüsst habe: «Der Vater ist grösser als ich.» Worum geht es da? Und warum bringe ich euch heute am Auffahrtsfest so viel hohe Theologie und mache aus der Kirche eine Studierstube? Und was hat das mit dem Psalm 115 zu tun?

Ich will es mal so sagen: Mit der Auffahrt, mit der Himmelfahrt Christi, mit der Aufnahme des gemarterten und auferstandenen Jesus von Nazareth in den Himmel zur Rechten Gottes ist für die Reformierten die Welt wieder in Ordnung. Dort ist er Gott gleich, ja selbst Gott. Als Aufgefahrener in den Himmel ist ihm alle Macht und Ehre gegeben, wieder gegeben. Das stört nicht. Aber er ist unserem Zugriff entzogen. Solange er auf der Erde wandelte, bildet er ein Problem für die Theologie. Luther konnte sagen: Jesus ist Gott. Für Luther war nun das Problem: Wie kommt er nach seiner Himmelfahrt wieder zu uns, zu seiner Gemeinde, zu mir als gläubige Seele? Und er hielt fest: im Abendmahl ist er da. Ganz. Ganz Gott und ganz Mensch. Dagegen sprechen Zwingli und Calvin von Jesus als einem Menschen, der als Mittler zwischen Gott und den Menschen steht. Der in seiner Menschheit – als Geschöpf, als geborener Mensch, geboren von einer Frau – der in seiner Menschheit Gott offenbart, aber zugleich verschleiert. Calvin und Zwingli würden nie sagen: Jesus ist Gott. In Jesus offenbart sich Gott. In Jesus vereint sich Gott mit dem Menschen, wird Mittler, der in der Mitte steht und an beiden Sphären Anteil hat. Aber immer so, dass der Mensch sich bewusst wird: ich bin es nicht. Ich bin nicht Gott, ich bin Geschöpf und nicht Schöpfer. Oder noch klarer: Indem der Mensch Gott die Ehre gibt. Gott allein die Ehre. Und damit sind wir im Psalm 115. «Nicht uns, HERR, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre, um deiner Gnade, um deiner Treue willen.» Unser Gott ist im Himmel. Aufgefahren in den Himmel. Er vollbringt, was ihm gefällt. Darum ist er nicht als Kruzifix am Kreuz, sondern im Himmel bei Gott, Gott geworden …

Unser Psalm stellt «ihre» Götzen unserem Gott gegenüber. Machwerk seien sie. Und der Psalm macht diesen gemachten Göttern den Prozess. Mund kann nicht sprechen. Augen können nicht sehen. Ohren können nicht hören. Hände können nicht greifen. Füsse können nicht gehen. Das ist kurzer Prozess. Die können einfach gar nichts. Und das Urteil lautet: Ihnen werden gleich sein, die sie machen. Urteil gesprochen. Demgegenüber besingt der Psalm den Gott von uns, den im Himmel. Und fordert Israel, Aaron und alle Gottesfürchtigen auf, ihm allein zu vertrauen. Dieser Gott segnet. Dieser Gott schützt. Dieser Gott vermehrt uns und unsre Kinder. Er ist der Schöpfer von Himmel und Erde. Er ist der ganz Andere, der nicht gemacht wurde, sondern alles schuf und schafft.

Wir hören in diesem herrlichen 115. Psalm eine volle Ladung Religionskritik aus der Antike. Gemachte Götter gegen den Ursprung und Schöpfergott. Den ganz Anderen, den lebendigen Gott. Natürlich glaubten die Theologen Ägyptens und Griechenlands nicht, dass ihre Götterbilder und Statuen plötzlich anfangen würden zu reden, zu gehen, Blitze zu schleudern. Sie waren allesamt Gleichnisse der göttlichen Energie. Irdische Gleichnisse eines göttlichen Himmels.

Aber sie sind gebildet nach dem Menschen und seiner Erkenntnis. Menschenähnlich. Sie haben den göttlichen Energien eine menschenähnliche Gestalt verliehen. Dem gegenüber hält der Psalm fest: Unser Gott ist im Himmel. Er vollbringt, was ihm gefällt. Es geht um seine Ehre, nicht um unsere Wünsche und unsere Kooperation. Gott verhandelt nicht. Gott setzt sich durch.

Hier stehen sich zwei Gottesbilder gegenüber. Eines das Gott einfängt, einspannt, einbaut – und eines das ihn grösser als alle unsere Pläne und Konstruktionen sein lässt. Und das nun ist nicht nur hohe Theologie und etwas Jenseitiges, sondern mein Alltag. Gebe ich Gott die Ehre in meinen Plänen und Wünschen? Gebe ich Gott die Ehre, dass er sich die Wege für mich ausdenkt und sie schafft – oder versuche ich auch im Gebet meine Wege Gott schmackhaft zu machen? Jeden Tag und jede Nacht stehe ich hier auf der Schwelle von der einen Seite zur anderen. Da ist nichts definitiv. Ich muss mir diese Haltung täglich neu erringen.

Calvin nannte unser menschliches Herz eine Götzenfabrik. Wir können gar nicht anders, als Gott zu erschaffen. Wir können konfessionslos werden oder das Christentum ablegen. Religionslos kann der Mensch nicht sein. Wir glaubten, wenn wir Gott aus dem Alltag und Leben verbannen, wir würden aufgeklärt und selbständig, mit erhobenem Haupt vom Platze gehen. Und siehe da, ich sehe nur Aberglaube und Ersatzreligion. Das Herz des Menschen: eine unablässig produzierende Götzenfabrik. Wir können nicht anders. Denn das Gottesbild ist die andere Seite unseres Selbstverständnisses. So eröffnet Johannes Calvin seine Unterrichtung in der christlichen Religion, die Institutio Religionis Christianae mit folgenden tiefsinnigen Sätzen über die Selbst- und Gotteserkenntnis:

„All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfasst im Grunde genommen eigentlich zweierlei: Die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis. Diese beiden aber hängen vielfältig zusammen, und darum ist es nun doch nicht so einfach zu sagen, welche denn an erster Stelle steht und die andere aus sich heraus bewirkt.“

So steht es um uns. Selbsterkenntnis ist ein fortlaufender Prozess. Ja man könnte sagen: ein biologischer Vorgang. Gottesbild-Produktion gehört zu unserer menschlichen Natur. Das macht das Herz. Diesem Herzen spricht der Psalm 115 immer wieder ins Gewissen. Israel, vertraue auf den HERRN. Denn wer sein eigenes Gottesbild und dessen Selbstbild anfängt anzubeten, der nimmt eine gravierende Konsequenz in Kauf. «Ihnen werden gleich sein, die sie machen, jeder, der ihnen vertraut.»

Betrachten wir noch einmal diesen Satz. «Ihnen werden gleich sein, die sie machen.» Ich mache etwas zu meinem Gott. Meinen Gott machen, macht mich ihm ähnlich. Gott machen, das nennen wir ja auch: Religion. Eine Religion ausüben. Darin steckt Psychologie. Nicht nur schaffe ich mir meine Religion, mein Gottesbild, meine Art der Gottesverehrung. Meine Religion schafft mich. Macht mich zu dem, der sie ausüben kann, ausüben muss. Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis: und die eine bewirkt aus sich heraus die andere. Wie soll das geschehen? Warum hat Religion diese Macht? Der Psalm gibt uns einen Hinweis: jeder, der ihnen vertraut, werde ihnen gleich sein. Vertrauen ist das Zauberwort. Wörtlich heisst es «sich bergen an», «sich sichern». Das ist das religiöse Grundgeschehen. Sich bergen, sich anvertrauen, sich sichern an einem Gegenüber.

Und plötzlich befinden wir uns mitten in der Gegenwart: «Ihre Götzen sind Silber und Gold, Machwerk von Menschenhand.»

Silber und Gold wurden unsere Götzen. Ich belasse es bei der Andeutung. Die materielle Produktion, geldwerte Leistung, Silber und Gold beherrschen uns als Menschheit weltweit. Der Psalm kommt mir vor wie eine böse Prophezeiung, die sich in unserm Jahrhundert erfüllt. «Ihnen werden gleich sein, die sie machen, jeder, der ihnen vertraut.» Am Anfang steht das Vertrauen. Worauf setze ich mein Vertrauen? Wem glaube ich? Welchen Gott rufe ich an?

Wem vertraust du?

Gott verhandelt nicht. Gott setzt sich durch. Gott ist an und für sich schon gut. Er will mein Heil und mein Leben. Ich hätte zu niedrig von ihm gedacht, wenn ich ihm seine Güte und Liebe erst noch einreden wollte. Das hat der Mensch Jesus gedacht, gefühlt, gelebt und bezeugt. Und zu ihm hat sich Gott der Schöpfer des Himmels und der Erde, Israels Arzt und Retter, bekannt. Aufgenommen in den Himmel, zu seiner Rechten: dort ist der Mensch Jesus Christus Gott.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als jede Vernunft, bewahre eure Herzen und Gedanken in Jesus Christus. Amen.

Predigtgebet

Vor den Türen deiner Welt stehst du allerzeiten,

Gott und Gast, dem wir bestellt, Herberg zu bereiten.

Und nur eins war, was dich trieb, Liebe, nichts als Lieben.

Was die Welt dir schuldig blieb, das hat dich getrieben.

Lass uns dich nicht draussen stehn, warten nicht vergebens.

Eile bei uns einzugehn, komm, du Herr des Lebens.

Pfr. Roland Diethelm

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