“… neige deine Himmel und fahre herab!” Predigt zum dritten Sonntag im Advent (11. Dezember 2022)

Psalm 144
Von David.
Gesegnet (gepriesen) sei der HERR, mein Fels,
der meine Hände den Kampf lehrt,
meine Finger den Krieg.
Meine Gnade und meine Festung,
meine Burg und mein Retter (Entrinnen),
mein Schild, bei dem ich Zuflucht suche,
der Völker unter mich zwingt.
HERR, was ist der Mensch, dass du ihn kennst,
des Menschen Kind, dass du es beachtest?
Der Mensch gleicht einem Hauch,
seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten.
HERR, neige deine Himmel und fahre herab,
rühre die Berge an, dass sie rauchen.
Lass Blitze zucken und zerstreue sie,
schiesse deine Pfeile und schrecke sie zusammen.
Strecke deine Hände herab aus der Höhe,
    rette mich und reisse mich heraus
aus gewaltigen Wassern,
    aus der Hand der Söhne der Fremde,
deren Mund Wahn und Trug redet
    und deren Rechte sich zum Meineid erhebt.
Gott, ein neues Lied will ich dir singen,
auf zehnsaitiger Harfe will ich dir spielen,
dir, der den Königen Hilfe schenkt,
der David, seinen Diener, vor bösem Schwert errettet.
Rette mich und reisse mich heraus
    aus der Hand der Söhne der Fremde,
deren Mund Wahn und Trug redet
    und deren Rechte sich zum Meineid erhebt.
Dass: unsere Söhne wie Pflanzen sind,
grossgezogen in ihrer Jugend,
unsere Töchter wie Eckpfeiler sind,
fein geschnitzt am Bau einer Palasthalle.
Unsere Scheunen gefüllt sind,
Vorrat jeglicher Art spenden.
Unsere Schafe sich tausendfach mehren,
vieltausendmal auf unseren Fluren.
Unsere Rinder trächtig sind,
ohne Schaden und ohne Fehlgeburt,
kein Wehgeschrei auf unseren Marktgassen ist.
Wohl dem Volk, dem es so ergeht,
    wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist.

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde

Advent. Allgemein bekannt dürfte sein, dass wir in diesen fünf Wochen mit ihren vier Sonntagen auf etwas warten. Worauf warten wir? Wahrscheinlich würden die meisten sagen: auf Weihnachten natürlich. Hier in der Kirche.

Draussen warten sie auf das Finale in Qatar. Ob es Marrokko oder Argentinien sein wird? Oder Frankreich oder Kroatien? Diese Frage treibt meine Söhne um: Ob es Marokko wohl schafft?

Um uns geht es seit Freitag, dem 2. Dezember nicht mehr. Die Sache ist entschieden, die Schweizer Mannschaft konnte ihren Heimweg antreten. Wir sind nun zu neutralen Beobachtern geworden. Vielleicht liegt uns ja diese Rolle ohnehin am besten.

Worum geht es, wenn wir in der Kirche auf Weihnachten warten? Sind wir da auch draussen? Schauen wir zu, wie man auf Weihnachten wartet, neutrale Beobachter, welche zuschauen, wie sich diese Institution und ihre Funktionäre abmühen, blamieren, ins Offseits spielen, keinen Kick mehr ins Tor bekommen? Oder blutet unser Herz heimlich, weil uns diese Tradition doch immer noch etwas angeht und die Megatrends weh tun? Geht es beim Advent um mich? Um mein Heil? Meine Zukunft? Was kann an Weihnachten denn geschehen? Was müsste dort passieren, dass es um mich gehen würde?

«Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren / Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren,» dichtete es der Schlesische Engel, Johannes Scheffler in seinem cherubinischen Wandersmann 1675.

In dir soll Christus zur Welt kommen, geboren werden. In mir? Wie soll das gehen? Da ich doch nicht besonders religiös bin. Und nicht zu Illusionen und Halluzinationen neige, sagst du mir da.

Was in den Exerzitien geschieht, könnte ich nicht besser umschreiben als so: da wird in dir die Wahrheit deines Lebens geboren. Wir sind jetzt mit 16 Menschen aus unserer Gemeinde auf Spurensuche. Und was da alles geschieht, ist unglaublich. Durch nichts tun kommt zu Bewusstsein. Durch reine Betrachtung wird erlebt, was mich wirklich berührt, was vielleicht seit vielen Jahren, seit Jahrzehnten da ist und mein Leben lenkt, im Guten wie im Schlechten, im fördernden, kraftspendenden Sinne ebenso wie im behindernden, bindenden Sinne. Welche Energien in mir wirken, welches innere Kind in mir auf Anerkennung und Zuneigung wartet, welcher innere Vater auf die Dankbarkeit seines Sohnes und dass vergeben ist, was nicht möglich war.

«Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren / Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.»

Geboren wird in einem. Zur Welt drängt das Andere, das da im Entstehen begriffen ist, in mir drängt der Andere. In den Exerzitien, wo wir uns auf Spurensuche in unserem Leben aufmachen, drängen die Bilder und Worte zur Geburt und nehmen in meinem seelischen Erleben Gestalt an. Eigentlich höre ich nur zu, werde ganz aufmerksam, auf das was da ist. Meditation nennen wir es deshalb. Selbstfindung geschieht, indem mir mein Sinn und meine Bilder geschenkt werden. Der andere wird aktiv. Das ist Advent. Im Warten kommt ein anderer an. Advent heisst nicht nur Warten. Es heisst Ankunft Gottes.

«HERR, neige deine Himmel und fahre herab,
Strecke deine Hände herab aus der Höhe,
rette mich und reisse mich heraus.»

Mit dem Advent verbindet unseren Psalm die Vorstellung, dass Gott den Himmel verändern müsse, um selbst aktiv zu werden.

«O Heiland, reiss den Himmel auf!» ist eines der bekanntesten Adventslieder. Es nimmt eine Prophezeiung aus dem Jesajabuch auf. «Tauet ihr Himmel, regnet den Erlöser aus!» Aber das Bild spricht auch in unserem Psalm. Der Himmel ist bleiern geworden. Wenn nicht eine Kraft von dort selbst die festgefügte Weltordnung ins Wanken bringt, wird es nichts mit dem Heil-Werden bei uns. «Reiss ab vom Himmel Tor und Tür, reiss ab, wo Schloss und Riegel für!»

Im Psalm ruft der Beter zu Gott: «HERR, neige deine Himmel und fahre herab, / rühre die Berge an, dass sie rauchen. Lass Blitze zucken und zerstreue sie, / schiesse deine Pfeile und schrecke sie zusammen.»

Das Bild klingt verdächtig nach dem Erlebnis eines vulkanischen Ausbruchs. Berge, die rauchen, Blitze, die zucken, Wurfgeschosse, die vom Himmel fallen. Lava und Asche. Gott offenbart sich in der Gewalt eines ausbrechenden Vulkans. Die Bibelforscher haben nach aktiven Vulkanen in der Zeit des Alten Testaments gesucht. Fündig wurden sie nur im Nordosten der arabischen Halbinsel, hinter Akaba. Dort sei der Teman zu suchen, von dem die Bibel redet, der Berg, auf dem Gott sich in der Eruption des Erdinnern manifestierte.

Strecke deine Hände herab aus der Höhe, / rette mich und reisse mich heraus aus gewaltigen Wassern …»

Der Vulkanausbruch mit Feuer in der Nacht und Rauchwolken am Tag: diese Vorstellung wurde zum Bild von der Rettung im Schilfmeer, dem Exodus. Die Rettung des Volkes aus seiner Sklaverei in Ägypten ist die Grunderfahrung Israels, dass Gott in der Geschichte eingreift, um zu helfen.

Ich weiss nicht, wie es euch geht. Den Forschern war es etwas peinlich, dass sie dem Gottesbild so auf die Schliche gekommen waren. Ein so konkretes Ereignis entschleiert Gottes Offenbarung? Liessen sich damalige primitive Völker noch von der rohen Gewalt eines Vulkanausbruchs zum Gottesglauben verleiten? Und wir? Wir nennen es das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit, Religion, Glaube. Wenn dem Menschen klar wird, dass er nicht an der Spitze steht und nur über sehr begrenzte Kraft verfügt. Dass sein Schicksal stärker sein kann als sein eigener Wille. Dass er in diese Welt geworfen ist und annehmen muss, was ihm von anderer Seite her aufgegeben ist.

Angefangen hat der Psalm mit einem Lobpreis auf Gott, der dem Kriegerkönig Schutz bietet und das Handwerk lehrt – und zugleich darüber ins Sinnieren kommt, warum ihm solches Heil und solche Kraft denn zuteilwerde. Was ist der Mensch, dass du ihn kennen magst! Was ist des Menschen Kind, dass du es beachtest! Ein Hauch, ein Schattenbild. Wir können diese Haltung und Einsicht die Spiritualität des Königs David nennen. Selbstbegrenzt anerkennt er seine schlechthinnige Abhängigkeit gerade im Triumph über die Gegner, im Sieg, als junger König. Er segnet seinen Gott, preist ihn als seine Kraft und Fluchtburg.

In dieses Segnen und Lobpreisen, Erstaunen und Erbitten setzt er zu einer zweiten Strophe ein. Ein neues Lied will er singen.

Es ist zuerst einmal das alte Lied – das alte Lied der Bitte um Errettung. Aber dann schliesst sich eine Schilderung des gesegneten Zustandes und eine Seligpreisung an. Wohl dem Volk, dem es so ergeht,     wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist.

Heute feiern wir den dritten Sonntag im Advent. Gott will zu uns kommen. Das Wesentliche meines Lebens steht noch aus, es wird anbrechen. Was für Kinder einfach zu glauben ist, fällt uns Älteren je länger desto schwerer. Darin besteht die Botschaft des Glaubens. Wir haben es je länger desto mehr zu lernen: dass nicht wir selber es in der Hand haben, sondern ein anderer. O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Gedanken in Jesus Christus.

Pfr. Roland Diethelm

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