Hosianna in den Höhen!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott und dem HERRN Jesus Christus.

Liebe Gemeinde

Mit dem heutigen Palmsonntag feiern wir Christinnen und Christen die grosse Wende vom himmelhoch jauchzenden Empfang zum Todesurteil des Kreuzes. Unsere Kinder haben Palmenzweige auf den Weg geworfen wie es in der Lesung heisst. Was hat es auf sich damit? Ich versuche euch die geschichtliche Bedeutung dieses Tages in kurzen Worten zu erklären und dann den Fokus auf uns selbst zu blenden. Beginnen wir mit der Geschichte Jesu.

Der Entschluss, nach Jerusalem zu ziehen, ist fraglos die entscheidende Wende in der Geschichte Jesu. Was aber war dieser Weg Jesu nach Jerusalem?

Zunächst handelt sich hier um die im Gesetz des Mose gebotene Wallfahrt zum zentralen Heiligtum. «Alles Männliche soll dreimal im Jahr, zu Pessach im Frühling, zum Wochenfest (Schawuoth, Pfingsten) im Sommer und zum herbstlichen Laubhüttenfest, der Weinernte, nach Jerusalem hinausziehen, um im Tempel anzubeten und entsprechende Opfergaben darzubringen.» (Dtn 16,16f)

Wäre dieses Religionsgesetz je umfassend umgesetzt worden, hätte sich in Israel eine Touristik ohnegleichen etabliert, die dem Bauern das Feld zu bestellen, dem Soldaten die Grenze zu bewachen und dem Handwerker sein Geschäft zu betreiben verunmöglicht hätte. Ganz zu schweigen von den stillenden Müttern, den Schwangeren, Kranken und Bettlägerigen, den Gebrechlichen und Furchtsamen. Es war aber als Ideal in den Köpfen und Herzen der Zeitgenossen Jesu und immerhin ein weit verbreiteter Traum und Brauch, wenigstens ab und zu und mit einem Teil der Familie diese Pilgerfahrt zu unternehmen.

Wir stellen uns Jesus vor als einen der zahlreichen Wanderprediger, der in seiner Heimat im Galil zwischen dem See Kinnereth und dem Hermongebirge bereits einige Monate umherzog, in Maschal (Gleichnisrede) und Derascha (Predigt) lehrte, Kranke heilte, Dämonen austrieb – also Neurotiker heilte – und einen mehr oder minder festen Schülerkreis um sich versammelt hatte. Für diesen nirgends mehr sesshaften Mann stellte die Wallfahrt nach Jerusalem keine besonderen Schwierigkeiten dar. In seinem Schülerkreis und bei ihm selbst musste die Erkenntnis reifen: In der Provinz bleibt unsere Verkündigung vom Reich Gottes provinziell. Die Wahrheit, die wir hier erkannt haben und verkündigen, gehört an die grösste Glocke: an den Tempel nach Jerusalem. Solange die Verkündigung des Reiches Gottes nur in der Provinz erfolgte, blieb die dadurch ausgelöste jesuanische Bewegung eine Randerscheinung des öffentlichen Lebens. Zog der Meister aber nach Jerusalem, um dort im Tempel, im nationalen und geistigen Zentrum, seine Botschaft zu verkündigen, so trat er damit in die Entscheidungszone ein.

Man muss die Beschreibung der Evangelien in die damalige hebräische Wirklichkeit zurückübersetzen. Der Palmzweig, der Lulav, der zusammen mit der «Frucht vom schönen Baum», dem Ethrog, einer Zitrusart, der Bachweide und der Myrte als Feststrauss beim Umzug um den Altar geschwungen wurde, hat sich bis heute im Ritual der Synagoge zum Laubhüttenfest erhalten. Von hier ist er in den christlichen Palmsonntag gekommen. Der Ritus, den Weg mit Palmzweigen und anderem Grün zu schmücken, gehört zu der Feier dieses Erntedankfestes. Hierzu wird – wie zu allen drei Wallfahrtsfesten – der 118. Psalm rezitiert.

Preist den HERRN, denn er ist gütig,
ewig währt seine Gnade.
Es spreche Israel:
Ewig währt seine Gnade.
Es spreche das Haus Aarons:
Ewig währt seine Gnade.
Sprechen sollen, die den HERRN fürchten:
Ewig währt seine Gnade.
Aus der Bedrängnis rief ich zum HERRN,
der Herr erhörte mich und schuf mir weiten Raum.
Der HERR ist für mich, ich fürchte mich nicht,
was können Menschen mir antun?
Der HERR ist für mich, ist mir Helfer,
gelassen schaue ich auf meine Hasser.
Besser ist es, am HERRN sich zu bergen,
als Menschen zu vertrauen.
Besser ist es, am HERRN sich zu bergen,
als Fürsten zu vertrauen.
Alle Nationen umringten mich,
im Namen des HERRN aber wehrte ich sie ab.
Sie umkreisten, sie umringten mich,
im Namen des HERRN aber wehrte ich sie ab.
Wie Bienen umkreisen sie mich;
wie ein Dornenfeuer verlöschen sie,
im Namen des HERRN wehre ich sie ab.
Man hat mich hingestossen, damit ich falle,
der HERR aber hat mir aufgeholfen.
Meine Kraft und mein Lied ist der HERR,
und er wurde mir zur Freiheit.
Jubel und Siegesruf erschallen
in den Zelten der Bewährten.
Machttaten vollbringt die Rechte des HERRN.
Die Rechte des HERRN erhöht,
Machttaten vollbringt die Rechte des HERRN.
Ich werde nicht sterben, sondern leben
und die Taten des HERRN verkünden.
Der HERR hat mich hart gezüchtigt,
dem Sterben aber nicht preisgegeben.
Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit.
Ich will durch sie einziehen, um den HERRN zu preisen.
Dies ist das Tor zum HERRN,
die Bewährten ziehen hier ein.
Ich will dich preisen, denn du hast mir geantwortet
und bist mir zur Rettung geworden.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Grundstein («Eckstein») geworden.
Durch den HERRN ist es geschehen,
ein Wunder ist es vor unseren Augen.
Dies ist der Tag, den der HERR gemacht hat,
wir wollen jauchzen und uns an ihm freuen.
Ach, HERR, befreie doch!
Ach, HERR, vollende doch!
Gesegnet sei, der kommt, im Namen des HERRN.
Wir segnen euch vom Haus des HERRN.
Der HERR ist Gott, er gab uns Licht.
Schmückt den Festreihn mit Zweigen
bis zu den Hörnern des Altars.
Du bist mein Gott, ich will dich preisen,
mein Gott, ich will dich erheben.
Preist den HERRN, denn er ist gütig,
ewig währt seine Gnade.

Ein grosser Lob- und Dankgesang!Haben Sie vor dem inneren Auge gesehen, was da alles im Tempel los ist? Züge von Menschen durch die Tore, der Geruch von Schweiss und Mühsal, von Schlachttieren, lebenden und getöteten und verbrannten, von Weihrauch und anderen orientalischen Düften. Musik und Klänge aus einer anderen Welt. Ein hin und her Wogen von Chören und Antwortgesängen. All das bietet der grosse Psalm dem inneren Auge und Sinn.

Der entscheidende Satz lautet darin: «Ach Herr, hilf doch», Hoschia na – in der gräzisierten und latinisierten Form überliefert als Hosianna! Er bittet um Gottes Eingreifen. Rette doch! Und wird beantwortet mit dem Zuruf «Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn.» In der jüdischen Wallfahrtsliturgie geschieht dieser kleine Dialog zwischen den Festpilgern und den Tempelpriestern. Die Festpilger erhoffen und erbitten Rettung von Gott, den sie im Tempel erwarten und anbeten wollen. Und die Priester rufen ihnen zu, dass sie hier willkommen seien, weil sie eben auf Gott hoffen, dem Gott, der hier bei uns gegenwärtig und erfahrbar in der Anbetung wird.

«Hosianna, Gott, hilf doch!» rufen in der Geschichte am Palmsonntag die Mitziehenden dem Jesus zu. Jetzt, in diesem Zug aus der Provinz Galiläas hinauf nach Jerusalem erkennen sie Gottes Gegenwart, auf ihn setzen sie ihre Hoffnung. Und mit dem Ruf «Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn!» empfangen die Umstehenden diesen Rabbi aus der Provinz.

Noch einen Schritt weiter gehen die Evangelisten mit der Erzählung vom Esel. Im Propheten Jesaja heisst es, dass sich Zion auf seinen König freuen solle, denn er reite auf einem Esel ein. Arm und unbewaffnet auf einem Lasttier statt einem Kriegsross kommt der messianische König daher. «Du Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin (Sach 9,9).»

Die Sprache ist hebräische Poesie. Sie verdoppelt die Aussage, um sie klarer und nachdrücklicher zu machen. Esel und Fohlen sind natürlich Steigerungsform: nicht nur ein Lasttier statt des Kriegsrosses, sondern dazu noch ein wehrloses, kleines herziges Jungtier.

Nicht der Evangelist Markus, wohl aber Matthäus dichtet diese Erfüllung alttestamentlicher Weissagung deshalb noch weiter und lässt Jesus auf dem Esel und dem Fohlen reiten. Das muss ziemlich unpraktisch gewesen sein: auf zwei Tieren zu reiten – aber so geht es, wenn die Erfüllung alter Weissagung allzu wörtlich genommen wird. Unser heutiger Evangelist Markus begnügt sich damit, die Erfüllung der prophetischen Verheissung des messianischen Einzugs zu berichten. Das was Jesus tat und ihm geschehen ist, verstehen wir mit ihm als Erfüllung der alten Hoffnung Israels.

Hoschia na! Gott, hilf doch!

Hosianna rufen die Gläubigen in der Messfeier, in der katholischen Eucharistie. Osianna in excelsis, Hosianna in den Höhen! Wenn wir nachher das Mahl feiern, wie unser Herr es uns aufgetragen hat, und uns an ihn erinnern und er unter uns gegenwärtig wird, dann rufen auch wir «Hilf doch, Gott» und «Gesegnet und willkommen, der da zu uns kommt im Namen Gottes!»

Dieser Vers aus dem Psalm verbindet also die Liturgien der jüdischen Wallfahrtsfeste mit ihrer Erinnerung und Hoffnung auf den rettenden Eingriff Gottes mit dem Bericht von der grossen Wende im Leben des Jesus aus Nazaret und unserem eigenen heutigen Tun und Hoffen.

Er stellt Jesus in die Hoffnung Israels hinein. Er stellt uns in die Hoffnung Israels hinein und ins Schicksal Jesu.

Jesus hat nichts Neues erfunden. Nicht das Abendmahl, nicht die Messias-Erwartung, nicht seine eigene Mission und nicht sein eigenes Schicksal. Und wir Christen erst recht haben nichts erfunden, was nicht schon da gewesen wäre. Jüdisch ist unser Herr, jüdisch ist unser Glaube, jüdisch ist unsere Hoffnung. Jüdisch ist unser Mahl, jüdisch ist unser Bekenntnis. Es ist kondensiert in dem Psalm 118, wo wir lesen: “Die Rechte des HERRN erhöht, Machttaten vollbringt die Rechte des HERRN. Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Taten des HERRN verkünden.”

Jesus selbst musste als der klarblickende Mann, der er offenbar war, sich des Risikos seiner Provokation bewusst sein. Es war ja nichts Geringes, alle Machthaber gleichzeitig herauszufordern: die sadduzäische Priesterschaft, die pharisäischen Schriftgelehrten, die Herodes-Partei und schliesslich die römische Besatzungsmacht. Hier gab es nur den wunderbaren Sieg durch unmittelbares Eingreifen Gottes oder den Untergang in einem allzu ungleichen Ringen. Dass allerdings eine dritte Möglichkeit bestand, war damals kaum zu sehen: Die Möglichkeit des Siegs durch den Untergang! Auferstehung meint genau dies. Dieses Dritte freilich sollte Ereignis werden, allerdings ausserhalb der Geschichte Jesu, ausserhalb einer menschlichen Biografie mit Geburts- und Todesdatum.

Und auch das hat unser Psalm in wunderbare Worte gefasst: “Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Grundstein («Eckstein») geworden. Durch den HERRN ist es geschehen, ein Wunder ist es vor unseren Augen.”

«Ein Wunder ist es vor unseren Augen. Durch den Herrn ist es geschehen.» Wie könnte ich besser von Auferstehung sprechen als mit diesen Worten! Auferstehung hat gar nichts damit zu tun, dass einer weiterlebt, obwohl er gestorben ist. Auferstehung hat gar nichts damit zu tun, dass einer zurückkommt und nochmals Glück gehabt hat. Jesus hat im 118. Psalm seine eigene Auferstehung gebetet und zugleich zu Gott geschrien um Verschonung vor seinem Leidensweg und Tod. Ein Wunder ist es in seinen Augen, bei Gott allein steht es fest, ob und wie es geschehen würde. Ein Wunder bleibt es auch in den Augen des Mannes aus Nazaret.

Jesus, so dürfen wir annehmen, hat seinen Weg nach Jerusalem als die dem Juden gebotene Wallfahrt empfunden; der enthusiastische Einzug, der ihm bereitet wurde, gestaltete, freilich nur für Augenblicke, diese Wallfahrt zu einem Siegeszug. Im selben Augenblick aber werden die Gegner auf den Plan gerufen, und der Mann, der sich ihnen nicht entzieht, muss mit der Möglichkeit des Opfergangs rechnen, die sich ihm in wenigen Tagen zur Gewissheit verdichtet. So ist Jesu Weg nach Jerusalem Wallfahrt, Siegeszug und Opfergang in einem.

Wie verstehen wir unseren Lebensweg? Gibt es Lebenswenden? Einen Bruch in der eigenen Biografie? Wo der geplante und bereits vorgespurte Weg plötzlich abgebrochen ist? Wo sich unverhofft eine Tür aufgetan hat inmitten einer Sackgasse? Ich glaube, wenn unsere Jubilare heute ihre Lebensgeschichten erzählen würden, käme die eine oder andere solche Wende ans Licht.

Auch für uns gilt: es wird durch den Herrn geschehen, falls es auch für uns eine Auferstehung geben wird. Es wird nach dem Stand unserer heutigen Einschätzung realistisch betrachtet unmöglich sein, eben ein Wunder vor unseren Augen. Wir sind Steine, die die Bauleute brauchen und verwerfen. Hosianna in der Höhe, Hoschia na, Gott hilf! Wie lasse ich mir in meinem Leben von Gott helfen?

Wer sich Biografien anschaut, sieht solche Brüche und Wunder. Wer seine eigene erzählt, bemüht sich darum, sie als Siegeszug darzustellen. Vielleicht sind die reiferen unter uns bereit, ihr Leben als Opfergang zu verstehen. Haben begriffen, dass es etwas Grösseres als das eigene Leben gibt. Sind bereit, sich diesem Grösseren in den Dienst zu stellen. Kinder sind so ein Anlass, aber nicht nur.

Die Mystiker aber wussten es so auszudrücken: unser ganzes Leben ist eine einzige Gottesssuche, eine Wallfahrt zu Gott. Diese Erkenntnis gibt es nur von innen. Nur über sich selbst. Dies ist eine Wahrheit, die nur von innen gültig ist. Darum kann ich auch nicht dem Kranken seine Krankheit deuten und ihr Sinn zuschreiben, ausser es sei meine eigene, die ich selbst angenommen habe. Die Wallfahrt meines Lebens möge Gott annehmen! Hilf Gott, Hoschia na.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als jede Vernunft, bewahre eure Herzen und Gedanken in Jesus Christus. Amen.

Pfr. Roland Diethelm

(In Anlehnung an Schalom Ben-Chorin: Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht, dtv München 1967)

Vorherige News
An Ostern “zäme ufbräche”
Nächste News
Es war geplant: Musik aus der Ukraine in der Kar- und Osterwoche

Andere News

Menü