Predigt über den kürzesten Psalm

Psalm 117
Lobpreist den HERRN, alle Völker!
Rühmt ihn, ihr Nationen alle!
2 Denn mächtig waltet über uns seine Güte (Gnade),
und die Treue (Wahrheit) des HERRN währt in Ewigkeit.
Hallelujah.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott und dem HERRN Jesus Christus.

Liebe Gemeinde

Psalm 117 ist der kürzeste Psalm des biblischen Psalters. Er besteht nur aus zwei Versen. Er ist auch ganz einfach zu verstehen. Alles und alle sollen Gott lobpreisen, denn Gott ist der Beste. Amen.

Das wäre nun also auch meine kürzeste Predigt hier bei euch in Wangen. Alles und alle sollen Gott lobpreisen, denn Gott ist der Beste und das für immer. Amen.

Leider würde ich euch da etwas vorenthalten. Etwas Wesentliches verschweigen.

Er ist nicht nur der kürzeste Psalm, er ist – als Gebetbuch der Juden – auch einer der wenigen, die sich gar nicht an Israel und die Juden wenden. Völker. Heiden übersetzten das Wort unsere Vorfahren, Heidenvölker. Gentes, oder in der hebräischen Sprache Goijm. Um sie geht es. An sie richtet hier einer oder das ganze im Tempel versammelte Volk der Israeliten oder Juden die Aufforderung: Lobpreist unsern Gott. Grund: über uns waltet mächtig seine Treue und Güte. Und das für den Rest dieses Zeitalters, in Ewigkeit eben. Über uns. Wir haben uns daran gewöhnt, dass «uns» uns hier meint und «wir» wir alle hier sind. Wir haben uns auch daran gewöhnt, Gott unsern Vater zu nennen und uns als Ziel seiner Liebe und Zuneigung zu verstehen. Und beides ist erst einmal nicht so.

Weder sind wir hier das Volk Gottes noch ist Gott unser Vater. Und ich glaube, wenn ich jetzt Amen sagen würde, dann hätte ich Probleme. Dann müsste mich Toni Haas bei der nächsten Kirchensynode anzeigen und vorher schon wäre Feuer im Dach der Kirchgemeinde Wangen an der Aare. Dann käme die Kirchgemeindeversammlung im Anschluss an diesen Gottesdienst gerade recht um da mal ein ernsthaftes Wort mit dem Pfarrer zu reden. Endlich mal über Inhalte! Gott nicht unser Vater und wir nicht sein Volk? Auch Katechetin Ruth Loosli würde mich zur Seite nehmen und mir ins Gewissen reden. Lernen unsere Kinder doch in der KUW 6 das Unser Vater beten und unsere Tauffamilie habe ich selbst heute hier begrüsst im Namen des Volkes Gottes, zu dem wir versammelt seien.

Wie also soll das gehen?

Wir gehen davon aus, dass wir das Volk Gottes sind. Dass wir dazu gehören, wenn die Bibel von «uns» redet. Wir gehen ebenso und noch mehr davon aus, dass wir dazu gehören, wenn die Bibel vom «Vater im Himmel» spricht und Gott «unsern Gott» nennt. Um unseren 117. Psalm zu verstehen, müssen wir diese Selbstverständlichkeit einmal kurz ablegen und uns klar machen: Nein, wir gehören nicht von vorneherein dazu. Gott ist nicht von vorneherein unser Vater im Himmel und wir hier dürfen diesen Gott zuerst einmal nicht ganz selbstverständlich unsern Vater nennen.

«Lobt den HERRN, alle Völker! Rühmt ihn, ihr Nationen alle!»

«Wir» sind «diese Völker», Angehörige der Nationen.

Der kürzeste Psalm ist eine Aufforderung zum Lob, die vielleicht der Priester singend an die gesamte Festgemeinde gerichtet hat. Der erste Vers stellt die eigentliche Aufforderung zum Lobpreis dar: “Lobet den Herrn, alle Völker! Rühmet ihn, alle Nationen!” und er geht über die Festgemeinde hinaus an die ganze Welt, den Erdkreis. Es sind die Nachbarvölker Israels, die entfernten Nationen der Seevölker und die Grossreiche der Ägypter und Mesopotamier. Jederzeit können sie dem zur Festgemeinde versammelten Volk Israel gefährlich werden. In diesem ersten Satz geht das Wort hinaus an den Erdkreis und fordert von uns, dass wir als Nicht-Israeliten, als Nicht-Juden, dem Gott der Juden Lobpreis singen. Eine Zumutung, damals.

Die Zumutung wird aber gerade nochmals verstärkt, denn der zweite Vers spricht die Begründung dazu aus: «Denn mächtig ist über uns seine Gnade und ewig währt die Wahrheit des Herrn.»

Oder in einer etwas näher am Hebräischen sich befindenden Übersetzung: «Denn mächtig waltet über uns seine Güte, und die Treue des HERRN währt in Ewigkeit.»

Wir vernehmen hier das Wort “mächtig” in einem höchst erfreulichen, wohltuenden Zusammenhang, nämlich mit Gnade und Wahrheit, mit Güte und Treue! Einen solchen Gott haben wir also, ist das nicht schön?

Und hier ist das «wir» in der Tat das Volk der Israeliten. Das Volk Israel hatte beim Hören dieser Worte die Freiheit durch den Auszug aus Ägypten im Sinn; und es dachte an das Geschenk des eigenen Landes in Palästina. Das von Gott erhaltene Gesetz war ihm vor Augen; und die Bewahrung des Volksganzen und des Einzelnen durch die Gefahren der Zeit hindurch war nicht in Vergessenheit geraten.

Aber stellt euch vor: die fremden Völker sollen dieses Volkes Gott lobpreisen, für alles, was er an ihnen Gutes getan habe. Das wäre in etwa so, wie wenn auf dem Pausenplatz mein Sohn von den andern verlangt, dass sie seinen Papi den besten finden sollten. Genau so müssen wir uns das auf der Zunge vergehen lassen.

«Denn mächtig waltet über uns seine Güte (Gnade), und die Treue (Wahrheit) des HERRN währt in Ewigkeit.»

Ihr da, lobpreist unseren Gott für das, was er uns Gutes zukommen lässt! An Israel soll den Völkern ein Licht über Gott aufgehen.

Schauen wir nochmals auf die Gründe, die der Psalm dafür nennt. Denn mächtig waltet über uns seine Güte. Wir können auch Gnade sagen oder das alte Wort Huld. Güte, Gnade, Huld, Liebe: das hebräische Wort chäsäd bezeichnet die liebe volle Zuneigung eines Mächtigen zu seinen ihm Anvertrauten. Gott und seine Geschöpfe verbindet chäsäd. Das lernen die Völker an dem einen Volk, dem Gott seine chäsäd eben zuwendet. An ihr erkennen wir, was den Schöpfer der Welt wirklich umtreibt. Denn in der Schöpfung an und für sich könnten wir auch ganz andere Gründe dingfest machen. Den Überlebenskampf, survival of he fittest zum Beispiel. Das wird uns gerade im Donbass und an der Grenze Russlands vor Augen geführt. Der Kampf ums Überleben. Fressen und gefressen werden. Gott will das nicht. Das ist nicht sein Schöpferwille.

Und damit sind wir beim zweiten Grund, den der Psalm nennt. Ämät, Treue, Wahrheit, Dauer, Sicherheit, Verlässlichkeit, alles was in das bekannte Wort «Glaube» mündet. Gott ist verlässlich. Ein Fels, auf den wir bauen dürfen.

Liebe und Glaube ist das Wesen dieses Gottes. Er wendet es seinem Volk Israel zu. Dafür sollen ihn alle anderen Völker lobpreisen.

Ich hätte mich nicht getraut, euch diese Zumutung zuzumuten, wenn ich nicht einen biblischen Zeugen hätte. Paulus im Brief an die Römer. Kapitel 15. Und Paulus beruft sich auf eine jüdische Vorstellung, die auch in den Prophetenbüchern aufscheint: dass in der Endzeit alle Völker zum Zionsberg pilgern und dort Frieden und Gerechtigkeit lernen. Ein Licht für die Heiden, für die Völker, werde Israel sein.

Paulus sagt «nämlich: Um der Wahrhaftigkeit Gottes willen ist Christus zum Diener der Beschnittenen geworden, um die Verheissungen, die an die Väter ergangen sind, zu bekräftigen. Die Heiden aber sollen um der Barmherzigkeit (Gottes) willen Gott preisen, wie geschrieben steht:» und dann zitiert er unseren 117. Psalm.

«Darum nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat, zur Ehre Gottes.»

Vater ist Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, weil Jesus sein Sohn ist. Jesus darf Gott als Vater anrufen. Jesus adoptiert uns als Brüder und Schwestern durch seinen Geist. Und in diesem Geist dürfen auch wir Gott als Vater Jesu Christi und darum auch als unseren Vater anrufen. Aus Gottes Volk Israel ist Jesus der Jude hervorgegangen und seine Mission war es, die verlorenen Schafe des Hauses Israel zu sammeln und das Reich so wiederherzustellen. In dieser seiner Sendung ist Jesus bis zum Äussersten gegangen und hat sein eigenes Leben eingesetzt. Darum hat er auch uns aus allen Völkern den Zugang zu Gott eröffnet und uns seinem Volk eingefügt.

Universales Gotteslob ja. Es gilt allen Menschen unabhängig ihrer Herkunft und Sprache, alle will Gott versammeln und zu Geschwistern machen. Einmütig preisen sollen wir ihn. Und gerade darum in geschichtlich gewachsener Vielfalt.

Es gibt ein anderes Konzept. Einheit durch Einordnung in den Volkskörper. Einheit durch Strammstehen und Wegschneiden des Andersartigen. Amerikanisch ist weisshäutig und alle Farbigen müssen draussen bleiben. Russen dulden dann keine Ukrainer, sondern nur Kleinrussen und Weissrussen. Familienpolitik duldet dann keinen Regenbogenfamilien.

Wenn heute 77 Jahre nach Kriegsende die Faszination des Faschismus wieder ihre grausigen Häupter erhebt, dann sollen wir Christinnen und Christen für diesen anderen Weg zur Einheit einstehen: durch Versöhnung der Gegensätze zum gemeinsamen Lob des Schöpfers. Einmütig durch Versöhnung – nicht durch Gleichschaltung.
Hallelujah. Lobpreiset den HERRN.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als jede Vernunft, bewahre eure Herzen und Gedanken in Jesus Christus. Amen.

Predigtgebet

Vor den Türen deiner Welt stehst du allerzeiten,
Gott und Gast, dem wir bestellt, Herberg zu bereiten.
Und nur eins war, was dich trieb, Liebe, nichts als Lieben.
Was die Welt dir schuldig blieb, das hat dich getrieben.
Lass uns dich nicht draussen stehn, warten nicht vergebens.
Eile bei uns einzugehn, komm, du Herr des Lebens.

Pfr. Roland Diethelm

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